kritiken

24. Februar 2004
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Konzert von Ruth Ziesak und Gerold Huber in Wiesbaden

Da sitzt er am Flügel und spielt, als sei dies ein Soloklavierabend, beansprucht mit äußerster klanglicher Delikatesse und Struktur erhellendem harmonischen Bewußtsein Deutungsmacht. Doch welcher Sänger oder Sängerin gibt freiwillig von seiner oder ihrer Macht ab? Die Sopranistin Ruth Ziesak besitzt dieses Format und sorgte bei ihrem gemeinsam mit dem Pianisten Gerold Huber gestalteten Liederabend im Wiesbadener Herzog-Friedrich-August-Saal für eine kleine Revolution.

In den sechs Liedern nach Gedichten von Lenau samt beschließendem Requiem (...) spielte sich Huber mitnichten in den Vordergrund, umfing und stützte die Gesangstimme mit überwachem Bewustsein. Mit seiner ungemein präzisen Erschließung harmonischer und klanglicher Valeurs schuf er zugleich komplexe Situationen, denen sich die Solistin wiederum zu stellen hatte. Die Herausforderung, nicht weniger, aber auch nicht mehr zu sein als die wichtigste Stimme innerhalb eines komplizierten Geflechts, meisterte die Sopranistin bei den hernach vorgetragenen Liedern von Franz Liszt perfekt. (...)

Die Konzentration auf einen dem Dichterischen so affinen Komponisten wie Schumann sowie auf den Überpianisten Liszt erwies sich hinsichtlich der Zielsetzung des Abends als außerordentlich fruchtbar. Ruth Ziesak undGerold Huber ist es mit diesem Pilotabend gelungen, die musikalisch zu erschließende Tiefe hinter der Oberfläche des Wortes neu zu vermessen, und dies wird in der mit substantiellen Neuigkeiten kaum gesegneten Klassikszene sicher nicht folgenlos bleiben.

BENEDIKT STEGEMANN